Nach Jahrzehnten taucht die Newcastle Disease wieder auf. Zufall oder System?
Ein fundierter Blick auf Ursachen, Übertragung und Impfstrategien.
Newcastle Krankheit 2026: Ursachen, Impfung und Übertragungswege der atypischen Geflügelpest
Nach Jahrzehnten ohne größere Ausbrüche rückt die Newcastle Krankheit (Newcastle Disease) – auch bekannt als atypische Geflügelpest – im Jahr 2026 wieder
verstärkt in den Fokus.
Besonders brisant: Während Deutschland lange als stabil galt, wurden seit Februar wieder Fälle gemeldet.
Dies wirft nicht nur Fragen zur aktuellen Seuchenlage auf, sondern auch zu möglichen Ursachen, Übertragungswegen und der Rolle bestehender Impfstrategien.
- Wie konnte es nach so langer Zeit - trotz Impfpflicht - wieder zu Ausbrüchen kommen?
- Welche Rolle spielen Transportwege, Biosicherheit – und möglicherweise auch Impfungen?
Dieser Beitrag beleuchtet den aktuellen Wissensstand und ordnet die wichtigsten Zusammenhänge verständlich ein.
Was ist die Newcastle Krankheit? Erreger und Symptome.
Die Newcastle Krankheit (Syn. Newcastle Disease, ND, atypische Geflügelpest, Pseudo Fowlpest) ist eine hochansteckende, weltweit verbreitete, anzeigepflichtige Viruserkrankung des Geflügels, die zu den bedeutendsten Tierseuchen zählt, da sie zu massiven wirtschaftlichen Schäden führen kann.
Der Erreger der Newcastle Krankheit
Der Erreger der Newcastle Krankheit ist das Newcastle Disease Virus (NDV), ein Einzelstrang-RNA-Virus negativer Polarität ((-)ssRNA). Das Newcastle Disease Virus ist ein
Subtyp des Avian paramyxovirus 1 (APMV) aus der Familie Paramyxoviridae, und eng mit dem Erreger der Paramyxovirose verwandt.
An der Newcastle Krankheit erkranken hauptsächlich Hühner und Puten, vereinzelt aber auch Tauben, Wassergeflügel und Vögel.
Je nach Virusstamm kann der Verlauf der Newcastle Krankheit stark variieren:
- Lentogene Stämme: verursachen zumeist nur subklinische Infektionen mit milden Symptomen - daher werden Lentogene Stämme oft als Lebendimpfstoffe eingesetzt
- Mesogene Stämme: führen zu ernsten Erkrankungen mit mit schweren Krankheitsverläufen und neurologischen Symptomen wie Torticollis, sind aber mit einer Letalität von 5 - 50% oft weniger tödlich wie velogene Stämme
- Velogene Stämme: sind hochvirulent, und führen zu schwersten (per)aktuten Ausbrüchen mit Atemwegsproblemen wie Dyspnoe, starken grünlich-wässrigen Durchfällen, Ödemen im Kopfbereich mit blauen Kämmen, neurologischen Störungen (Torticollis) und Sterblichkeitsraten von > 90 bis zu 100 %
Der Intrazerebrale Pathogenitätsindex (ICPI) ist ein Standardtest zur Bestimmung der Virulenz des Newcastle-Disease-Virus (NDV), bei dem ein Wert > 0,7 auf einen virulenten Stamm (mesogen) und > 1,4 auf einen hochvirulenten Stamm (velogen) hinweist. (Quelle: Dr. Max Bastian, StIKoVet am FLI)
Wie erkennt man die Newcastle Krankheit beim Geflügel - Typische Symptome
Die Viren befallen die Lunge, den Darm und das Gehirn der betroffenen Tiere.
Auch wenn eine sichere Diagnose ausschließlich im Labor möglich gibt es typische Symptome.
Das Krankheitsbild ist nach einer Inkubationszeit von 3 - 6 Tagen zunächst durch eine Vielzahl an unspezifischen Veränderungen im Verhalten der Tiere geprägt, die typisch für viele akute Infektionen sind.
Frühe Anzeichen sind:
- drastischer Rückgang der Legeleistung
- dünnschalige oder schalenlose Eier
- wässriges Eiklar
- wässriger, grünlicher, teilweise blutiger Durchfall
Im weiteren Verlauf der Erkrankung zeigen betroffene Tiere häufig:
- hohes Fieber bis 43 °C
- starke Apathie und Appetitlosigkeit
- Futter- und Wasserverweigerung
- Schnabel und Augen sind mit zähem Schleim bedeckt
- Atemnot (Dyspnoe)
- geschwollene Augenlider (Ödeme)
- Durchblutungsstörungen, häufig mit bläulich verfärbten Kämmen
- hohe Sterblichkeit binnen fünf Tagen nach Auftreten der Symptome
Später treten häufig neurologische Symptome auf:
- Lähmungen von Flügeln und Beinen
- Halsverdrehen (Torticollis)
Durch die schnelle Ausbreitung der Atypischen Geflügelpest innerhalb eines Bestands können Todesfälle auch ohne vorher sichtbare Symptome auftreten.
Übertragungswege der Newcastle Disease
Die Verbreitung erfolgt sowohl direkt als auch indirekt und kann innerhalb kürzester Zeit ganze Bestände erfassen.
Direkte Übertragung:
- Kontakt mit infizierten Tieren
- Übertragung über Atemwege, Sekrete und Kot
- Transport von Eiern, Küken, erwachsenen Tieren und Geflügelfleisch
Indirekte Übertragung
Eine zentrale Rolle spielen auch unbelebte Vektoren:
- Fahrzeuge und Transportkisten
- Futter, Einstreu und Geräte
- Mist und kontaminierte Materialien
Auch der Mensch ist ein entscheidender Faktor:
Bereits kleinste Virusmengen können über Kleidung, Schuhe oder Hände in Bestände eingetragen werden.
Zusätzliche Risiken bestehen durch:
- Ausbringung von Geflügelmist und damit Freisetzung der Erreger in der Umwelt
- Intensivhaltung mit hoher Besatzdichte und damit einhergehender schnellerer Infektionsketten
- Schadnager wie Ratten und Mäuse
- Insekten wie Fliegen
Aktuelle Einschätzung der Übertragungswege
Nach Einschätzung des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) unterscheidet sich der Übertragungsweg bei der Newcastle Krankheit von der Aviären Influenza. Nach aktuellem Kenntnisstand spielen Wildvögel bei der Newcastle Krankheit bislang keine wesentliche Rolle.
Der Leiter des Nationalen Referenzlabors für die Newcastle-Krankheit am Friedrich-Löffler-Institut (FLI), PD Dr. med. vet. Christian Grund, sieht den Ursprung der aktuellen Fälle in engem Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen in Osteuropa, insbesondere in Polen. Auffällig ist, dass der erste Fall in Deutschland in unmittelbarer Grenznähe auftrat. (Quelle: https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2026/03/brandenburg-newcastle-krankheit-ausbreitung-gefluegel-betriebe-voegel-getoetet.html)
Die Verbreitung geschieht überwiegend über:
- kontaminierte Gegenstände (unbelebte Vektoren)
- Transportwege innerhalb der Geflügelwirtschaft
- menschliche Kontakte (belebte Vektoren)
Welche Rolle spielt die Impfung?
In Deutschland besteht aufgrund der Geflügelpest-Verordnung gemäß § 7 Abs. 1 eine Impfpflicht gegen die Newcastle Krankheit für Geflügelhaltungen ab dem 1. Tier.
Impfmethode
Der Impfstoff wird über das Trinkwasser (oral) oder als Spray (nasal/okular) verabreicht.
Wirkmechanismus der Impfung
Die Impfung nutzt hauptsächlich lentogene Lebendimpfstoffe, um durch eine milde Infektion eine schützende Immunität zu erzeugen. Der Wirkmechanismus beruht primär auf einer Stimulation der lokalen Schleimhautimmunität durch die Replikation des Impfvirus in der Atemwegs- und Darmmukosa, was eine starke lokale IgA-Antwort, aber auch eine systemische IgG-Antwort induziert und die T-Zellen aktiviert. Dabei kommt es als Immunantwort besonders zur Anreicherung von IgA-Antikörpern und lymphoiden Zellen in Trachea und Harder-Drüse. Die Harder-Drüse in der Augenhöhle spielt eine Schlüsselrolle bei der lokalen Immunantwort des Geflügels, insbesondere nach okulonasaler Impfung.
Schleimhautveränderungen:
Durch die Infiltration der Schleimhäute von Trachea und Darm durch Lymphozyten, sowie einer erhöhten IgA-Produktion, kommt es zur Ausbildung der typischen Symptome nach der Impfung. Diese zumeist vorübergehende Immunreaktion der Schleimhäute verläuft zumeist mit weniger schweren Gewebeschäden wie bei einer echten Infektion.
(Quelle: ScienceDirect.com)
Während der Impfschutz in der Regel eine klinische Erkrankung verhindert oder abmildert, kann eine Infektion mit dem Feldvirus bei hoher Viruslast oft nicht vollständig unterbunden werden, was zur Virus-Ausscheidung führen kann.
Problematik
Unter dem Schutz der Impfdecke kann sich eine Infektion unbemerkt ausbreiten, vor allem bei hohem Seuchendruck. Eine solche Infektion lässt sich nur anhand virologischer Untersuchungen nachweisen.
Impfstämme
Die unterschiedlichen Impfstämme unterscheiden sich stark in Bezug auf ihre Nebenwirkungen:
- Avirulent: keine Erkrankung durch die Impfung
- Lentogen: gering virulent, geringe Sterblichkeit, verminderte Eiproduktion
- Mesogen: moderat virulent, Sterblichkeit bis 50 %, fehlende Eiproduktion
- Velogen: hohe Virulenz, schwere Erkrankung mit hoher Sterblichkeit durch die Impfung.*
*Quelle: P B SPRADBROW, A L IBRAHIM, A MUSTAFFA-BABJEE, S J KIM: Use of an avirulent Australian strain of Newcastle Disease Virus as vaccine. In: Avian Diseases. Band 22, Nr. 2, 1978, S. 329–335.
Impfstoffe
- LaSota V4 / avirulent - apathogener Lebendimpfstoff für Hühner ab dem 1. Lebenstag, gute Verträglichkeit auch bei Jungtieren, erzeugt eine lokale Immunität im Darm und den Atemwegen. Die Impfung erfolgt über das Trinkwasser oder als Spray.
- ND Clone 30 / avirulent - inaktivierter Totimpfstoff zur aktiven Immunisierung als Booster von Elterntieren und Legehennen nach der Grundimmunisierung (Priming) mit einem NDV-Lebendimpfstoff: Nobilis® Newcavac. Die Impfung erfolgt durch Injektion.
- ND Clone 30 / lentogen - Lebendimpfstoff (lyophilisiert) für Hühner ab dem 1. Lebenstag, vermehrt sich im Tier, um eine Immunität zu erzielen, zur Grundimmunisierung und als Booster: Nobilis® ND Clone 30. Die Impfung erfolgt über das Trinkwasser oder als Spray.
- Hitchner B1 / lentogen - leicht virulenter (milder) Lebendimpfstoff (lyophilisiert) für Hühner ab dem 14. Lebenstag mit geringer Reaktivität. Avishield ND B1 „Hitchner". Die Impfung erfolgt über das Trinkwasser oder als Spray.
- LaSota / lentogen - leicht virulenter Lebendimpfstoff als Booster nach einer Impfung mit Hitchner B1, frühestens ab dem 14. Lebenstag, verursacht respiratorische Symptome nach der Impfung. Avishield ND „La Sota“. Die Impfung erfolgt über das Trinkwasser oder als Spray.
- Mukteshwar und Komarov / mesogen - invasiver Stamm als Booster, Nebenwirkungen wie Atemwegssymptome, Gewichtsverlust, verminderte Eiproduktion sind möglich, es kann auch zum Tod von Tieren kommen. Die Impfung erfolgt durch Injektion. Der Impfstoff wird primär in Asien und Afrika verwendet.
Kombiimpfstoffe
- Nobilis® IBmulti+ND / avirulent - inaktivierter Totimpfstoff (der Kombiimpfstoff enthält inaktivierte virale Antigene von IBV Stamm M41, IBV Stamm D274, NDV Stamm Clone 30), dieser Impfstoff ist besonders als Booster für Zuchttiere geeignet. Die Impfung erfolgt durch Injektion.
❗Der Lebendimpfstoff gegen die Newcastle-Krankheit kann für den Menschen pathogen sein, und darf nicht mit der menschlichen Schleimhaut in Berührung kommen. Er kann bei Kontakt mit den Augen eine Konjunktivitis verursachen. Eine Kontamination durch Verspritzen oder Verschütten des Impfstoffs ist unbedingt zu vermeiden❗
❗Inaktivierte Impfstoffe gegen die Newcastle- Krankheit enthalten Mineralöle, dass bei versehentlicher Selbstinjektion zu starken Schwellungen, Nekrosen bis hin zum Verlust des Fingers führen können, und umgehend chirurgisch versorgt werden müssen❗
AviPro ND HB1 milder Lebendimpfstoff lyophilisiert zur Trinkwasserimmunisierung für Hühner ab dem 14. Lebenstag mit geringer Reaktivität.
Nebenwirkungen und Grenzen der Impfung
Die Impfung gegen die Newcastle Krankheit gilt als sicher, kann jedoch als Nebenwirkung
• leichte Atemwegssymptome verursachen
• stärkere Läsionen der Schleimhaut im Sinne einer Infektion hervorrufen
Wichtig ist daher:
• Impfung nur bei gesunden Tieren
• fachgerechte Durchführung (idealerweise durch Tierarzt)
• regelmäßige Auffrischung (ca. alle 6 Wochen)
Theoretische Risiken: kann die Impfung bei Krankheitsausbrüchen eine Rolle spielen?
Das Risiko der Virulenzsteigerung von Lebendimpfstoffen.
Lebendimpfstoffe enthalten abgeschwächte Viren (lentogene Stämme).
In der Fachliteratur wird diskutiert, dass diese lentogenen Stämme theoretisch unter bestimmten Bedingungen durch unkontrollierte Zirkulation in geimpften Beständen unter dem Schutz der Impfdecke theoretisch ihre Eigenschaften verändern können - etwa bei:
• hoher Besatzdichte
• geschwächtem Immunsystem der Tiere
• unzureichender Biosicherheit
Dabei könnte sich die Virulenz der ausgeschiedenen Erreger in Richtung mesogen oder velogen entwickeln.
Wichtig:
Ein direkter Zusammenhang zwischen Impfung und aktuellen Ausbrüchen ist nicht belegt, wird jedoch als theoretischer Aspekt wissenschaftlich diskutiert.
Können sich Menschen mit der Newcastle Krankheit infizieren?
Beim Menschen können die Viren der Atypischen Geflügelpest in sehr seltenen Fällen eine milde Bindehautentzündung des Auges auslösen.
Unterschiedliche Strategien: Deutschland und Schweiz
Deutschland setzt auf eine konsequente Impfstrategie.
Die Impfung geben die Newcastle Krankheit ist eine Pflichtimpfung.
Die Schweiz verfolgt einen anderen Ansatz. Aufgrund ihres Newcastle-freien Status sind keine Impfung gegen die Newcastle Disease (Atypische Geflügelpest) erlaubt.
Begründung: Impfungen können Symptome verschleiern und mögliche Infektionen werden nicht erkannt.
Beide Strategien zeigen, wie unterschiedlich Risikobewertung und Seuchenkontrolle gehandhabt werden.
Fazit
Die Newcastle Krankheit (Newcastle Disease) bleibt eine der bedeutendsten Bedrohungen für die Geflügelhaltung weltweit.
Die aktuellen Entwicklungen im Jahr 2026 zeigen deutlich:
• Die Ausbreitung erfolgt vor allem über menschliche Aktivitäten und Transportwege
• Biosicherheit ist entscheidender denn je
• Die Impfung bleibt ein zentrales Schutzinstrument
Gleichzeitig wird deutlich, dass es keine einfache Ursache für Ausbrüche gibt, sondern ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit Tiergesundheit, Hygiene und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist daher entscheidend, um die atypische Geflügelpest langfristig unter Kontrolle zu halten.
Da die ND Feldviren thermoblabil sind und unverträglich gegenüber UV Licht, geht man davon aus, dass das Infektionsgeschehen im Frühling zurückgedrängt werden wird.
